4. Rentabilität, Liquidität, Stabilität - traditionelle Analyse des Jahresabschlusses
Zur Abfolge der Beurteilung ein kurzer Blick in die Literatur. Der HLBS hat 2022 sein bekanntes "Heft 14" in 9. Ausgabe veröffentlicht. Schriftleiter Dr. Rainer Paul Manthey, Steuerberater in München. Abfolge:
- Rentabilität und Faktorentlohnung
- Liquidität
- Stabilität und Risiko
In den "Arbeiten der DLG Band 194: Effiziente Jahresabschlussanalyse" von 1997 ist die Abfolge analog:
- Rentabilitätskennzahlen
- Liquiditätskennzahlen
- Stabilitätskennzahlen
Diese Schrift hat Dipl.-Ing. agr. Jan Krümmel bearbeitet, Unternehmensberater in Göttingen.
Schon 1984 war dies die Abfolge im Buch des Verlages Parey "Landwirtschaftliche Betriebswirtschaftslehre", herausgegeben von Prof. Leiber, Witzenhausen. Bearbeiter der Kennzahlen zum Jahresabschluss war Martin Steckel, Abteilungsleiter am Staatlichen Seminar für landwirtschaftliche Lehr- und Beratungskräfte im rheinland-pfälzischen Emmelshausen.
Nachdem die Cashflow-Lehre in den letzten Jahrzehnten perfektioniert wurde, ist die Liquiditätslehre insgesamt unternehmerorientiert neu zu durchdenken. Es ist angezeigt, auch in Investitionskonzepten und in Betriebsanalyse- und -planungs-Programmen für Berater und Fachschulen/Meisterausbildung auf die o.g. Linie einzuschwenken. Die früher oft gewählte Abfolge Rentabilität, Stabilität, Liquidität ist auf Dauer nicht tragbar, denn sie hat offenbar zur Meinung geführt, man könne die Liquidität erst beurteilen, wenn zuvor die bereinigte Eigenkapitalveränderung aus dem Bf-Jahresabschluss errechnet wurde - im Mittel also etwa 1 Jahr nach den Geschäftsvorgängen.
Richtig ist dagegen, dass der Unternehmer die Liquidität vorausschauend beobachten muss im Sinne des Finanzcontrollings. Wenn finanzielle Probleme gegeben sind, ist dies durch schriftliche Ausarbeitungen zu unterlegen. Der unterjährige Geldvoranschlag "LiquiVor" (innerhalb von JUP PS) beinhaltet dazu "schon immer" die Begriffe Geldrohüberschuss und Cashflow 3. Bei der Jahr-nach-Jahr-Planung ist zudem die Entwicklung der kurzfristigen Verbindlichkeiten zu prognostizieren, vor allem dann, wenn der Cashflow 3 negativ ist.
Controlling bedeutet immer den Vergleich mit einer Vorgabe. Das kann der ständige Vergleich mit dem Vorjahresmonat sein, der u.a. in Gartenbaubetrieben sehr geschätzt wird.
D 400-1: Die direkte unterjährige Verfolgung der Liquidität auf Basis des Geldrohüberschusses. Quelle: Wittmann H., i Die Liquidität im rechten Licht inkl. Kern der BWL - Powerpoint (siehe Startseite)
Nach Vorliegen des Bf-Jahresabschlusses ist die Liquidität aufgrund des ordentlichen Ergebnisses zu beurteilen, gemeinsam mit der Rentabilität des Unternehmens und der Stabilität der Existenz.
D 400-2: Die direkte und indirekte Verfolgung der Liquidität auf Basis des ordentlichen Ergebnisses. Quelle: Wittmann H., i Die Liquidität im rechten Licht inkl. Kern der BWL - Powerpoint (siehe Startseite)
Die Beurteilung der Stabilität wird durch diese Abfolge natürlich nicht drittklassig. Aber ob es gelingt, die Eigenkapitalbasis zu erhöhen, ist tatsächlich erst anhand des Jahresabschlusses zu ermitteln. Freilich lässt sich die Substanzmehrung bzw. -minderung mittels eines fundierten Betriebsplanes für den künftigen Jahresabschluss auch prognostizieren.
Die komplette Ausfüllung des abgebildeten Schemas wird im Kapitel „1. Der Kern der BWL für Unternehmer“ gezeigt.
4.1 Rentabilität
Die Kennwerte der Rentabilität (Wirtschaftlichkeit) betreffen allein das Unternehmen. Ausgangspunkt ist immer das ordentliche Ergebnis. Ohne längerfristige Rentabilität ist eine gute Liquidität und Stabilität nicht zu erreichen.
Die Frage ist, inwieweit sich die Nutzung der eingebrachten Produktionsfaktoren (kurz Faktoren) in einem Unternehmen lohnt. Leicht zu kommunizieren ist die Faktorentlohnung im Einzelnen: das Einkommen aus Arbeit und die Verzinsung des Kapitals. Für die Landwirtschaft, bei der auch die Grundrente für die Bodennutzung zu errechnen ist, ergibt sich ein "Dreigespann der Rentabilität" (siehe unter 4.1.4).
Wie gesagt, sind die Faktorentlohnungen im Einzelnen leicht kommunizierbar. Für die Landwirtschaft, bei der auch die Grundrente für die Bodennutzung zu errechnen ist, ergibt sich ein "Dreigespann der Rentabilität".
4.2 Liquidität - inkl. nichtbetriebliche Einnahmen und Ausgaben
4.2.1 Herleitung und Kennwerte der Zeitraum-Liquidität
Es wird die Zeitpunkt-Liquidität und die Zeitraum-Liquidität unterschieden. Die Zeitpunkt-Liquidität lässt sich erkennen an den kurzfristigen Verbindlichkeiten = Negativer Girostand und Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen. Diese sollten max. 10 % des Umsatzes betragen. Wenn das Unternehmen (z.B. aus steuerlichen Gründen) aus mehreren Teilbetrieben besteht, ist natürlich ausgesprochen dumm, wenn im einen Teilbetrieb der Girostand negativ ist, im anderen gut positiv. Heutzutage kann so etwas mit einer entsprechenden Kontostand-App kontrolliert werden.
Im folgenden ist bei dem Ausdruck "Liquidität" immer an die Zeitraum-Liquidität gedacht. Die Liquiditätsbeurteilung umfasst auch das Finanzcontrolling. Ein zentraler Begriff der Liquidität ist der Cashflow (direkt übersetzt: Geldfluss) ist in Deutschland ab etwa 1960 eingeführt worden. Typisch: Bei allen Cashflows bleiben die Abschreibungen außen vor.
Nachdem sich die Cashflows verbreitet haben, bietet sich an, bei Beratungsgesprächen bald damit einzusteigen. So wird die pädagogisch erwünschte „Spannungskurve“ während eines Beratungskontaktes hoch bleiben.
Für die Liquidität sind die nichtbetrieblichen Einnahmen (berein. Einlagen) und die nichtbetrieblichen Ausgaben (berein. Entnahmen, z.B. für den Privataufwand) einzubeziehen, ebenso die Tilgungen (bei der Bf-Analyse nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen). Es kann das ordentliche Ergebnis des Betriebs ungenügend sein, aber die Unternehmerfamilie sagt, "bei uns ist immer Geld im Haus". Vielleicht sind in so einem Fall in früheren Jahren größere Photovoltaik-Anlagen installiert worden. Besonders wenn solche Objekte ohne verbliebene Kredite sind, bieten sie u.U. erheblichen Cash, der ggf. zur Querfinanzierung genutzt werden kann..
Für die Herleitung der Cashflows gibt es:
- eine „direkte Methode“ aus dem „Geldrohüberschuss“ (Gross cash surplus) und
- eine „indirekte Methode“ aus dem „ordentlichen Ergebnis“ plus den Abschreibungen (Ordinary result plus Depriciation and amortication).
Der Geldrohüberschuss (= betriebliche Einnahmen – betriebliche Ausgaben) wird in der Buchführung während des Jahres laufend errechnet. Er erlaubt z.B. den ständigen Vergleich mit dem Vorjahresmonat. Dieser Weg ist leicht verständlich, weswegen er pädagogisch zu bevorzugen ist.
Die indirekte Methode ist erst gangbar nach Erstellung des Jahresabschlusses. Dennoch wird überwiegend der indirekte Weg begangen. Er basiert auf der sog. „Praktiker-Formel“:
Gewinn + AfA = Cashflow aus laufender Geschäftstätigkeit
Gebräuchliche Kennwerte für die Zeitraum-Liquidität in Analyse und Planung
- Cashflow zur Selbst- oder Innenfinanzierung (= Cashflow 3): Er ist die zentrale Größe der Zeitraum-Liquidität, die man leicht an den Ersatzinvestitionen (= AfA) messen kann. Dieser Cf ist unternehmernah und in allen Wirtschaftssektoren anwendbar.
- Freier Cashflow (Free cash flow): Manche Unternehmen veröffentlichen ihn als Teil des Jahresabschlusses, z.B. die deutschen Konzerne ZF und BASF.
- Kapitaldienstgrenzen: Sie wurden für die Landwirtschaft entwickelt. Erst später wurde der Cashflow 3 erfunden, der sie perfekt spiegelt. Die Kapitaldienstgrenzen braucht künftig also auch die Landwirtschaft nicht mehr. Eine eigenständige landwirtschaftliche BWL wird es ohnehin bald nicht mehr geben, denn die Zahl der landwirtschaftlichen Höfe liegt in Deutschland bereits unter 250.000.
Der diskontierte Cashflow (DCF) ist immer ein Teil von Plan- oder Zukunftsrechnungen. Dabei werden die geschätzten Cashflows der Folgejahre mittels Finanzmathematik auf die Gegenwart abgezinst. Der diskontierte Cashflow ist somit kein Mittel der Jahresabschlussanalyse! Der Autor hat 1975 zum ersten Mal vom Begriff Cashflow gehört. Einer seiner Professoren an der Uni Göttingen war von einer Tätigkeit bei der Weltbank zurückgekehrt. Er berichtete, dass diese Bank Kredite vergibt aufgrund von DCF-Kalkulationen. Weltbank-Frage: Wenn man einen bestimmten Betrag investiert, wieviel kommt dann als operativer Cashflow über die künftigen Jahre zurück. Der DCF ist also zugleich ein Maßstab für die erwartete Rentabilität einer Investition.
Zum total anders begründeten Cashflow Statement wird unter Punkt 4.4 ein Einschub geboten. Die Leser dieser Schrift werden die Begriffe des Cashflow Statements gemäß IFRS 18 nicht brauchen, wie sie auch das Income Statement nach IFRS 18 nicht benötigen. Nicht die Kleinen haben von den Großen zu lernen. Umgekehrt wird ein Schuh draus! Unternehmensleitungen von Großbetrieben (und Aufsichtsräte) müssen sich mit dem Cashflow zur Selbst- oder Innenfinanzierung (= Cashflow 3) befassen. Der direkte Weg zu ihm führt über den Geldrohüberschuss.
4.2.2 Geldrohüberschuss aus laufender Geschäftstätigkeit
Dieser Kennwert ist schon während des Wirtschaftsjahres in der Buchführung verfolgbar. Für die Betriebsbeurteilung ist er um "Einmaleffekte" zu bereinigen: z.B. um Erlöse aus dem Abgang von Grundstücken und um nicht regelmäßige Zuschüsse. Die im Geldrohüberschuss ggf. enthaltenen "Privatanteile an den Betriebsausgaben" sind zu saldieren.
So wird aus dem erwirtschafteten Geldrohüberschuss aus laufender Produktion der "direkt ermittelte Cashflow aus operativer Tätigkeit", der auch als Cashflow 1 bezeichnet wird.
4.2.3 Die drei zentralen Cashflows für Unternehmer
Die Cashflows 1 bis 3 stellen eine Staffelrechnung dar. Bei der Jahresabschlussanalyse tritt anstelle des Gewinns das „ordentliche Ergebnis“.
Restgröße beim Cashflow 3 sind die in der Periode unter normalen Umständen selbst erwirtschafteten Eigenmittel für Investitionen.
Es gilt bei der Analyse:
Nichtbetriebliche Einnahmen = Bereinigte Einlagen
Nichtbetriebliche Ausgaben = Bereinigte Entnahmen (inkl. Ausschüttungen an Aktionäre)
Oft ist nur der Cashflow 3 gefragt. Dann können die Cashflows 1 und 2 weggelassen werden:
_ 0 Ordentliches Ergebnis bzw. geplanter Gewinn
+ AfA betrieblich (wieder zugerechnet)
+ Bereinigte Einlagen
- Bereinigte Entnahmen
- Tilgungen ("nach betriebsw. Grundsätzen")
= Cashflow 3
Cashflow 1
Das ist herkömmlich - soweit der Zinsaufwand abgezogen ist - der Cashflow aus operativer Tätigkeit ". Es gibt gewerbliche Unternehmen, die diesen Kennwert veröffentlichen. Er sollte von Einmalzahlungen bereinigt sein.
Cashflow 2
Nichtbetriebliche Einnahmen: Dazu gehören Einnahmen aus extra betriebener Tankstelle oder aus PV-Anlagen sowie die Mieteinzahlungen aus vermieteten Wohnungen. Derartige Einnahmen erhöhen natürlich im selben Umfang auch die - später zu besprechenden - Kapitaldienstgrenzen. Nicht zu den bereinigten Einlagen gehören Zuflüsse aus Sparkonten. Sie sind „neutral“, denn das Privatvermögen nimmt ja in selbiger Höhe ab. Bei Großbetrieben sind Eigenkapitalaufstockungen durch Neuausgaben von Aktien nicht selbst erwirtschaftet, sie sind somit nicht Teil der Innenfinanzierung. Also bleiben sie außen vor.
Auf dem Betriebsgiro eingehende Zuflüsse aus neuen nichtbetrieblichen Krediten dürfen nie als Einkommen oder Einnahmen eingestuft werden. Rückerstattungen der Einkommensteuer sollten beim Aufwand für private Steuern saldiert werden.
Nichtbetriebliche Ausgaben inkl Privataufwand und Ausschüttungen:
Bei Familienbetrieben ist zu bedenken, dass die Entlohnung der Familien-Arbeitskräfte aus dem ordentlichen Ergebnis zu bestreiten ist. Entsprechend hoch ist also der Privataufwand, der u.a. private Versicherungen und private Steuern umfasst. Bei großen Firmen sind Ausschüttungen an die Unternehmenseigner regelmäßige nichtbetriebliche Ausgaben, wenn auch in schwankender Höhe. Der Cf 2 und damit auch der Cashflow 3 sinken entsprechend. Solche Gelder sind für Investitionen nicht verfügbar.
In der Steuerbuchführung vom Beispiel "Neubert" sind nur geringe "Sonstige Einlagen" von 3.608 Euro erfasst. Es wurden 46.000 Euro aus Einnahmen einer einer Photovoltaikanlage hinzubereinigt, die nicht auf dem betrieblichen Girokonto verbucht sind: 50.000 Euro vor Zinsen minus 4.000 Euro Zinsen.
Entnahmen für die Ansparung von nichtbetrieblichen Vermögen (inkl. Privatvermögen) sind selbstverständlich kein Verbrauch, so dass sie bei der Liquiditätsbeurteilung gleichfalls neutral sind. Auch im Jahresabschluss ausgewiesene "Entnahmen für nichtbetriebliche Einkünfte" bedeuten oft keinen Verbrauch. Dahinter kann sich nämlich der Bau von zu vermietenden Wohnungen oder von Photovoltaikanlagen verbergen. Solche Entnahmen sind vermögenserhöhend, wenn auch nichtbetrieblich.
Umgebuchte Ausgaben im Beispiel: Es wurden der Lebenshaltung innerfamiliäre Lohnaufwendungen zugeschlagen. Entsprechend ist das Unternehmen um 33.071 Euro Lohnaufwand entlastet worden.
Cashflow 3 (= Cashflow zur Selbst- oder Innenfinanzierung)
Hier sind nun die Tilgungen abzuziehen. Für die Betriebsbeurteilung sind diese "nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen" zu bearbeiten. Das heißt, dass weder eine Tilgungsaussetzung noch eine Sondertilgung berücksichtigt werden darf (weitere Erläuterungen zu den Tilgungen beim Thema "Kreditliste", Punkt 3.3.2).
Die in der Steuerbuchführung ausgewiesenen Tilgungen sind meist manuell nachzubearbeiten. Den Buchstellen ist aber kein Vorwurf zu machen, denn die Tilgungszahlungen sind für die Errechnung des steuerlichen Gewinns schlichtweg irrelevant. Dementsprechend sind die betrieblichen und die nichtbetrieblichen Tilgungen (mind. grob) einzutragen, also z.B. auch diejenigen für PV-Anlagen.
In der BWL-Literatur ist übrigens auch von „Eigenfinanzierungskraft“ die Rede. Die Worte Selbstfinanzierungskraft und Innenfinanzierungskraft verdeutlichen jedoch besser, dass in das Unternehmen eingelegte Spargelder nicht einzurechnen sind. Solche Beträge sind Eigenmittel, sie wurden im aktuellen Zeitraum aber nicht vom Unternehmen selbst erwirtschaftet. Der Begriff Cashflow 3 hat übrigens - bei der Betriebsplanung - einen Vorläufer: „Zur Finanzierung verfügbarer Betrag“.
4.2.4 Staffelrechnungs-Schema der Cashflows 1 bis 3
Folgendes Schema verdeutlicht die Cashflow-Staffelrechnung. Dem Cashflow aus operativer Tätigkeit" (Cashflow 1) geht jedenfalls der "Geldrohüberschuss aus laufender Geschäftstätigkeit" voraus. Auf dessen Basis ist bereits unterjährig der "direkt ermittelte Cashflow aus operativer Tätigkeit" ersichtlich.
Die Cashflows haben übrigens einen wichtigen Vorteil: sie sind nicht so einfach zu manipulieren wie der Gewinn, der z.B. durch die AfA "gestaltbar" ist.
Wer (z.B. als Politiker oder Verbandsobmann) in den Aufsichtsrat oder den Beirat eines fremden Unternehmens gewählt wird, sollte von dort immer wieder dieselben ausgewählten Cashflows notieren. Sonst muss er als Vertrauensperson evtl. eines Tages feststellen, dass er eine schlimme Entwicklung des Unternehmens, für das er Verantwortung mitträgt, nicht rechtzeitig erkannt hat. Laufend beobachtete Cashflows kann man zu den Frühindikatoren zählen.
4.2.5 Messlatten (Benchmarks) des Cashflows
Als Messlatte der Cashflows sind die Abschreibungen (AfA) im Gebrauch. Im Geschäftsbericht der BASF Ludwigshafen wird der Cashflow aus operativer Tätigkeit (Cf 1) an den Gesamt-AfA gemessen.
https://Bericht.BASF.com/2020/de/Serviceseiten/Kennzahlenvergleich.html#/Datasheet_ar/vertbar/10,11/5,6,7,8,9,14,15,16,17,18,19,22,23,24,25,26,27/periods/0
Zur Beurteilung einfacher Investitionen reicht indes oft ein um die Tilgungen reduzierter Cashflow 1 aus, z.B. bei einer Photovoltaikanlage. An ihm ist schon zu erkennen, ob andere Teilbetriebe des Unternehmers geldlich unterstützt werden können oder ob sogar Cashflow anderer Teilbetriebe "verbrannt" wird.
Sinnvoll erscheint, die Cashflows nicht an den Gesamt-Investitionen zu messen, sondern an einer relativ konstanten Größe des Unternehmens. Da bieten sich die AfA an. Investitionen in Höhe der AfA werden allgemein als „Ersatzinvestitionen“ bezeichnet.
Der Cashflow 3 zeigt, wie viele Eigenmittel nach nichtbetrieblichen Ein- und Auszahlungen und nach Tilgungen (nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen) verbleiben. Frage, ob wenigstens die Ersatzinvestitionen ohne Kredit bezahlt werden können? Auf deutsch: wieviel Luft bleibt zum Atmen, so dass das Unternehmersein auch Spaß macht?
Zweckmäßig erscheinen zwei Messlatten (Maßstäbe):
Langfristiger Maßstab: AfA gesamt
Mittelfristiger Maßstab: AfA Maschinen und Dauerkulturen
Die AfA für Gebäude sind in den AfA gesamt enthalten. Doch ist es so, dass dort Ersatzinvestitionen in den ersten Jahren nicht zu erwarten sind. Bei den Maschinen (und Dauerkulturen) sind dagegen laufend welche zu ersetzen.
Messlatten (Maßstäbe) für die Selbstfinanzierungskraft
Zu den Begriffen:
gewöhnliche Geschäftstätigkeit = laufende Geschäftstätigkeit
regelmäßige Einlagen = bereinigte Einlagen (ohne Einlagen aus Privatvermögen)
regelmäßige Entnahmen = bereinigte Entnahmen (ohne Entnahmen für Privatvermögen)
Stufen der Liquiditätsbeurteilung (Anhaltskriterien für die Landwirtschaft)
Achtung: Auch hohe Sparverpflichtungen (z.B. Kapital-Lebensversicherungsbeiträge) begrenzen die Verfügbarkeit des Cf 3 für Investitionen.
Für den Cashflow 3 sind mit der "Ersatzinvestitionsdeckung" auch Relativ-Kennwerte möglich. Es gilt: je höher, desto besser.
Cashflow 3 alternativer Ziele im Vergleich zu jenen aus Buchführungsergebnissen
In folgender Grafik werden die Ergebnisse der Vergangenheit mit den in Zukunft geplanten Zahlen verglichen. Für das Unternehmen wurden - neben der Optimierung - drei alternative Zielbetriebe kalkuliert. Der Cashflow 3 wird den AfA gesamt (1. Maßstab) und den AfA Maschinen und Dauerkulturen (2. Maßstab) gegenübergestellt.
Der Cashflow 3 ist bei allen fünf Varianten weitaus höher als die Ersatzinvestitionen für Maschinen. Allerdings übertrifft der Cf 3 bei keinem der Zielbetriebe die Ersatzinvestitionen insgesamt (1. Maßstab). Das muss auch nicht sein; denn die AfA für neue Gebäude muss ja nicht gleich wieder re-investiert werden.
Bei Zukunftsbetrachtungen im Rahmen der unterjährigen Liquiditätsplanung (oder bei der Betriebsplanung im Schema Jahr-nach-Jahr) ist die konkret geplante Tilgung einzurechnen - anstelle der "Tilgung nach betriebswirtschaftlichen Grundsätzen". Wurde bei solchen Planungen z.B. eine Tilgungsaussetzung berücksichtigt, werden sich die Gesprächspartner (Unternehmer, Berater, Bank) schon im Klaren sein, dass dieser Zustand nicht permanent so bleibt. Umgekehrt ist bei einer derartigen Planung auch eine einmalige Einzahlung aus fälligem Sparvertrag o.ä. einzurechnen.
Nachtrag: In der Landwirtschaft werden die Cashflows 1 bis 3 sehr einheitlich verwendet.
Der Cashflow 3 (= Cashflow zur Selbst- oder Innenfinanzierung), der Free Cashflow und die Kapitaldienstgrenzen sind verwandt. Sie unterscheiden sich in der Residual- oder Restgröße.
Beim Cashflow 3 bleiben als Restgröße die selbst finanzierten Investitionen – wie besprochen.
4.2.6 Freier Cashflow
Der operative Cashflow kann dafür, wie für die Cashflows 1 bis 3, nach der direkten und der indirekten Methode ermittelt werden. Der "Free cash flow" berücksichtigt alle Investitionen, also nicht nur die Ersatzinvestitionen (= AfA). Die Einlagen und Entnahmen (inkl. Ausschüttungen) bleiben außen vor, weswegen hier Leerstellen angezeigt werden:
Operativer Cashflow (Zinsaufwand abgezogen)
+ …
- …
- Investitionen gesamt
= Freier Cashflow
Übrig bleibt beim freien Cashflow also eine Restgröße, die für Entnahmen inkl. Ausschüttungen oder zum Tilgen verwendet werden kann. Wurde hoch investiert, sind Ausschüttungen unbezahlbar. Wurde nichts investiert, können riesige Ausschüttungen erfolgen. Frage: Wer denkt denn so herum? Fazit: Der freie Cashflow kann total in die Irre führen!
4.2.7 Kapitaldienstgrenzen und deren Auslastung in %
In der Landwirtschaft wurde die Liquidität jahrzehntelang - auch außerhalb der Buchführungsanalyse - an den Kapitaldienstgrenzen gemessen. Der Begriff war schon verbreitet bevor die Cashflows bekannt wurde. Als Restgröße ergibt sich der jährlich maximal zahlbare Kapitaldienst. Der Zinsaufwand wird deshalb dem ordentlichen Ergebnis (wieder) zugeschlagen. Wesentlich sind lang- und mittelfristige Perspektive.
a) Langfristige Sichtweise
Ordentliches Ergebnis (gesamte AfA abgezogen)
+ Zinsaufwand
+ Nichtbetriebliche Einnahmen (= berein. Einlagen)
- Nichtbetriebliche Ausgaben inkl. Privataufwand und Ausschüttungen (= berein. Entnahmen)
= Langfristige Kapitaldienstgrenze (lfr. KDGr)
b) Mittelfristige Sichtweise
Die Gebäude haben oft eine lange Nutzungsdauer. In sie muss nicht gleich wieder re-investiert werden. Demzufolge kann das, was mittelfristig an Banken zu zahlen ist, um die AfA für neue Gebäude und Rechte erhöht sein. Die AfA für neue Gebäude und Rechte kann dann außen vor bleiben. Das ist die mittelfristige Kapitaldienstgrenze.
Ordentliches Ergebnis (gesamte AfA abgezogen)
+ AfA für Gebäude und Rechte
+ Zinsaufwand
+ Nichtbetriebliche Einnahmen (= berein. Einlagen)
- Nichtbetriebliche Ausgaben inkl. Privataufwand und Ausschüttungen (= berein. Entnahmen)
= Mittelfristige Kapitaldienstgrenze (mfr. KDGr)
Diese Restgröße ist also weniger streng. Dieselbe Aussage erhält man, wenn der Cashflow 3 an den AfA für Maschinen und Sonderkulturen gemessen wird (vgl. Messlatten der Cashflows unter Punkt 4.2.5).
Fundamentaler Zusammenhang:
Es wird sozusagen dieselbe bemalte Glasscheibe einmal von vorne (Cashflow), einmal von hinten (KDGr) betrachtet. Die Frage wird mal aus dieser Richtung, mal aus der Gegenrichtung gestellt. Die Antwort ist spiegelbildlich:
Aus dem Cashflow 3 können die Kapitaldienstgrenzen abgeleitet werden. Die folgenden Berechnungen stimmen, auch wenn man beim Rechengang etwas um die Ecke denken muss.
Herkömmlich sind andere Herleitungen der Kapitaldienstgrenzen im Gebrauch - eine davon:
Langfristige Kapitaldienstgrenze (KDGr) = Ordentliches Ergebnis +Zinsaufwand
+nichtbetriebl. Einnahmen –nichtbetriebl. Ausgaben (Privataufwand, Ausschüttungen o.ä.)
Als Relativ-Kennwerte wurde gerne die "Auslastung der KDGr in %" genannt (oder heruntergebetet). Einer der Relativwerte:
Auslastung der mittelfristigen KDGr % = KD durch mittelfristige KDGr
4.2.8 Cashflows vs. Kapitaldienstgrenzen
Cashflows sind vielseitiger einsetzbar als Kapitaldienstgrenzen:
• Die Cashflows geben auch Sinn in Unternehmen ohne Schulden.
• Es kann überlegt werden, wie hoch der Preis des wichtigsten Erzeugnisses eines Unternehmens sein muss, damit der Cashflow 3 erlaubt, wenigstens den Ersatz von Maschinen selbst zu finanzieren. Dafür kann z.B. der Milchpreis schrittweise angehoben werden, bis der Cf 3 im gewünschten Bereich ist. So kann der einzelbetrieblich kostendeckende Milchpreis eines Ziegenhalters ermittelt werden. Der errechnete Zielwert kann als Cashflow 3-Schwelle bezeichnet werden.
• Man kann zeigen, wann der Cf 3 auf Null sinkt, wenn die Erzeugerpreise fallen (z.B. der Milchpreis). Bei Cf 3 = 0 wird man noch seinen Kreditverpflichtungen nachkommen und privat seine Existenz finanzieren (bzw. etwas ausschütten) können. Aber schon eine kleine Investition (wie z.B. Ersatz einer einfachen Maschine) wird zur Folge haben, dass dafür ein neuer Kredit aufgenommen werden muss.
• Anhand des Cf 3 ist die Sensitivität (d.h. Anfälligkeit auf Preisveränderung) in der Betriebsplanung einfach zu demonstrieren.
• Mittels des Cf 3 kann (bei Jahr-nach-Jahr-Kalkulationen) auch die Entwicklung der kurzfristigen Verbindlichkeiten vorausgeschätzt werden.
• Auch bei der unterjährigen Liquiditätsplanung ist der Cf 3 zentral, aufbauend auf dem Geldrohüberschuss aus laufender Geschäftstätigkeit.
• Der Cf 3 ist selbst beim geplanten schrittweisen Ende eines Betriebes hilfreich. Gewinn und ordentliches Ergebnis interessieren nicht, umso mehr aber die Cashflows. Reichen sie in den restlichen Jahren zum Leben und zum Tilgen? In einer solchen Situation über "Kapitaldienstgrenzen" zu reden ist schlicht Unsinn.
Fazit: Für Unternehmer sind die Cashflows 1 bis 3 (mit den AfA als Messlatte) unübertrefflich gut!
4.3 Stabilität
Die Kennwerte der Stabilität sollen zeigen, inwieweit das Unternehmen vor dem Absturz bzw. vor dem "Umwerfen" gefeit ist. Stabilität bedeutet, dass das Unternehmen durch Preistäler, Produktmarktflauten, Zukaufpreisexplosionen, Seuchen und Kalamitäten, Unternehmer-Krankheit und Arbeitsausfall nicht gleich existenziell gefährdet ist. Der Begriff beinhaltet auch die Risiko-Vorsorge.
4.3.1 Bereinigte Eigenkapitalveränderung
Sie soll aussagen, ob Substanzmehrung oder Substanzminderung vorliegt, ob die Unternehmerfamilie bzw. die Unternehmensgruppe "reicher" oder "ärmer" wird, ob ein Eigenkapitalaufbau gelingt. Wie bei den Cashflows 2 und 3 reicht auch bei der "bereinigten Eigenkapitalveränderung" die Analyse in den nichtbetrieblichen (und privaten) Bereich hinein.
Bei der bereinigten Eigenkapitalveränderung sind die AfA (= Wertminderungen) abgezogen, die Tilgungszahlungen aber nicht. Letztere sind ja Auszahlung und Einzahlung zugleich. Das ist der Unterschied zur Cf-3-Berechnung.
Als Beurteilungsmaßstäbe der bereinigten Eigenkapitalveränderung sind drei "Sollwerte" eingeführt:
• mindestens 5 % des Fremdkapitals
• mind. 30 % vom ordentlichen Ergebnis
• mind. 15.000 Euro (Untergrenze, die auch Kleinbetriebe einhalten sollten).
Der Sollwert von 5 % von den Verbindlichkeiten beruht auf der Vorstellung, dass die Schulden in spätestens 20 Jahren getilgt sein sollten. Der Sollwert von 30 % des ordentlichen Ergebnisses ist lediglich eine Orientierung.
Etwas ungewohnt ist sicher für manchen Leser, dass in D 431 eine Zeile für nichtbetriebliche AfA eingefügt ist. Aber Fachlehrerkollegen haben zurecht darauf hingewiesen, dass ein Unterschied besteht zu den Cf 2 und Cf 3. Bei der bereinigten Eigenkapitalveränderung müssen die nichtbetrieblichen AfA (= nichtbetriebliche Wertminderungen) prinzipiell aqbgezogen werden.
4.3.2 Eigenkapitalquote in %
Das ist der Anteil des Eigenkapitals am Vermögen des Unternehmens. Für diesen Kennwert sind die Vermögensbewertungen in den Bilanzen unbedingt zu überprüfen, wenn auch nur grob. In der Landwirtschaft kommt hinzu, dass die gesamte eigene Boden mit einem einheitlichen Wert angerechnet werden muss, unabhängig davon, seit wann er zum Betriebsvermögen zählt bzw. was er dereinst gekostet hat.
4.3.2 Fremdkapitaldeckung in %
Im Zähler der folgenden Formel wird das aufsummierte "leicht liquidierbare Vermögen" eingetragen. Dazu wird das Umlaufvermögen (inkl. Geldvermögen) sowie das Anlagevermögen ohne Gebäude und Boden gezählt, also z.B. der Buchwert der Maschinen. Im Nenner wird das Fremdkapital beziffert.
Fremdkapitaldeckung in % = Leicht liquidierbares Vermögen / Fremdkapital
Der Beurteilung liegt die Frage zugrunde, ob (z.B. im Falle des Todes der Hauptarbeitskraft im Familienbetrieb) der Verkauf der relativ leicht veräußerbaren Vermögensteile ausreicht, um die Schulden abzulösen. Sobald das leicht liquidierbare Vermögen kleiner ist als das Fremdkapital, liegt der Wert unter 100 %.
4.3.4 Veralterungsgrad in %
Hierfür werden die Buchwerte von Maschinen, Betriebsvorrichtungen, Gebäude und Dauerkulturen in Prozent der Anschaffungs- oder Herstellungskosten berechnet. Je höher der Prozentwert, desto jünger. Dabei genügt der Veralterungsgrad vom letzten WJ.
Ein hoher Veralterungsgrad (Buchwert also nahe am Neuwert) kann gleichwohl problematisch sein, wenn dieser durch eine immense Verschuldung erkauft wurde. Ein niedriger Veralterungsgrad kann einen Fixkostenkünstler anzeigen, aber auch einen Investitionsstau. Sofern entsprechend Eigenmittel privat geparkt wurden, die wieder in das Unternehmen eingebracht werden sollen (z.B. wenn die Berufswahl eines Nachfolgers geklärt ist), ist die Stabilität positiv zu beurteilen, auch bei niedrigen Veralterungsgraden.
Die „traditionelle Jahresabschlussanalyse“ ist damit abgeschlossen. In der Praxis kommt es darauf an, möglichst bald in die „erweiterte Analyse“, d.h. in die einzelnen Betriebszweige bzw. Produktionsverfahren, einzusteigen. Das interessiert den Unternehmer vorrangig, denn da werden ggf. "Stellschrauben" erkennbar, um die er sich kümmern muss.
Es ist anzufügen, dass die erwähnten Kriterien Rentabilität, Liquidität und Stabilität auch für die Beurteilung der Planung von alternativen Zielbetrieben bzw. für Jahr-nach-Jahr-Planungen zu gebrauchen sind.
4.4 Income- und Cashflow Statement gemäß IFRS 18 – eine Erfindung kontra Unternehmer
Die an der unternehmensnahen BWL interessierten Fachleute brauchen diesen Einschub nicht zu lesen oder gar zu erlernen (siehe dazu Punkt 4.2). Er ist deshalb rötlich unterlegt.
Vorab:
1. Eine Analyse des Autors in 2024 zeigte, dass der in große finanzielle Schwierigkeiten geratene BayWa-Konzern offenbar seinen Aufsichtsräten (und den berichtenden Journalisten) kein unternehmensnahes Analyse-Instrumentarium (inkl. Selbstfinanzierungs-Cashflow) geboten hat. Fazit: Das von der BayWa stattdessen verwendete Cashflow Statement wirkt vernebelnd, wie eine Blendgranate.
2. Der IASB behauptet, dass die Norm IFRS 18 ein Vorteil sei für Investoren. Eine Recherche des Autors in 2025 über professionelle Unternehmensbewerter zeigte, dass diese primär auf den diskontierten Cashflow blicken statt auf Kennwerte aus der Buchführung . Aus der GuV sind vor allem (am Umsatz gemessene) Margen gefragt, aus der Bilanz Verschuldung und Eigenkapital-Anteil. Fazit: Keiner dieser professionellen Unternehmensbewerter benutzt Begriffe des Cashflow Statements.
3. Im Jahr 2025 fand eine Tagung statt über „Ökonomische Bildung: Ein Weg zu mehr gesellschaftlicher Teilhabe“. Für die „Alltagsökonomie“ der Schüler oder der Politiker benötigt man den leichtesten Zugang zu den Themen der Wirtschaft, den es gibt. Fazit: Die IFRS 18 bringen hingegen neue Bürokratie-Monster.
4. Die Systeme der künstlichen Intelligenz werden die praktische Arbeit verringern. Aber in der Pädagogik und in Beratungsgesprächen wird dafür zusätzliche Zeit benötigt werden. Fazit: Das Cashflow Statement und das Income Statement sind ohne Nutzen, eine schlimme Vergeudung öffentlicher Gelder.
Im April 2024 hat der IASB einen Normvorschlag namens IFRS 18 veröffentlicht. Nach den Plänen des IASB soll die IFRS 18 in den Jahresabschlüssen der Buchstellen per 1.1.2027 verpflichtend sein, bei Mehrjahresvergleichen auch für zurückliegende Jahre. Diese Norm ist zwar für große Konzerne erdacht, aber sie wird inhaltlich zu allen buchführungspflichtigen Unternehmen und zur BWL-Pädagogik durchsickern. Derzeit ist vorgesehen, dass die EU-Kommission im 1. Quartal 2026 den EU-Mitgliedsländern empfiehlt, die IFRS 18 in ihre Gesetze zu übernehmen, nachdem die Kommission das Gremium namens EFRAG angehört hat. Koordinierend bei der EU-Kommission ist die FISMA .
Zum Income Statement
In der Volkswirtschaftslehre wird gelehrt: Es gibt als Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital, dazu in der Landwirtschaft den Boden. In der Betriebswirtschaftslehre ist entsprechend zu ermitteln, wie hoch Arbeitseinkommen und Kapitalrendite ggf. inkl. Boden- bzw. Grundrente sind.
Konträr zur bisherigen Definition sind in der GuV nach IFRS 18 künftig drei Tätigkeiten der Unternehmer bzw. im Unternehmen zu unterscheiden:
- Operative Tätigkeit = laufende oder gewöhnliche Geschäftstätigkeit
- Investitionstätigkeit
- Finanzierungstätigkeit
Der Zinsaufwand, war bisher grundsätzlich Teil der gewöhnlichen oder laufenden Geschäftstätigkeit, d.h. der operativen Tätigkeit. Gemäß IFRS 18 soll er bei der Finanzierungstätigkeit eingeordnet werden.
Der Unternehmer wird ab 1.1.2027 einen wesentlich anders gegliederten Jahresabschluss von der Buchstelle (oder der eigenen Buchführungsabteilung) als bisher bekommen. Die im IFRS 18 geforderten krassen Änderungen in der GuV führt die folgende Übersicht vor Augen.
Änderungen in den Gewinn- und Verlustrechnungen
Die IFRS 18 ist auf große Konzerne ausgerichtet. Nach Kriterien der offiziellen Statistik, die sich an der Zahl der Arbeitskräfte orientiert, sind aber in Deutschland 99 % der Unternehmen von kleinster, kleiner oder mittlerer Größe. Für Bäcker, Betreiber von Reparatur-Werkstätten, Bauern und ähnliche Unternehmer sind wenige einfache ökonomische Begriffe notwendig, die sie neben der Erledigung ihrer Arbeit im Kopf haben und die möglichst am Kaffeetisch auch mit Mitarbeitern ohne BWL-Vorbildung kommuniziert werden können.
Einzelne Kommentatoren sprechen bei der operativen Tätigkeit von „Kerngeschäft“. Zinszahlungen sollen nach IFRS 18 nicht mehr Teil des Kerngeschäfts sein. Die Zinsausgaben bleiben allerdings bisher schon beim EBIT (und beim EBITDA) außen vor, siehe Punkt 3.1.3. Hoch verschuldete Unternehmen heben gerne allein das EBIT heraus. Denn oft weist das EBIT noch ein Plus-Vorzeichen auf, während der Gewinn / der Jahresüberschuss erheblich negativ ist. Prinzip dann: Lieber nur über das EBIT reden. Dieses „colorierte Informieren“ unbekümmerter Leser von Wirtschaftsnachrichten (inkl. Aufsichtsräte) wird durch die IFRS 18 total legalisiert.
Aus Sicht der Volkswirtschaftslehre, des ehrlichen Unternehmertums und des BWL-Analysten gehört der Zinsaufwand für fremdes Kapital sehr wohl zum „Kerngeschäft“ der Unternehmen. Es wirtschaften doch fast alle Unternehmen mit Fremdkapital, mit zunehmender Tendenz! Zudem haben die meisten Unternehmer früher in der Fachschule, in der Meisterausbildung oder im Studium gelernt:
Ordentliches Ergebnis + AfA = Operativer Cashflow
Diese leicht merkbare „Praktikerformel“ wäre gemäß IFRS 18 hinfällig!
Das Income Statement gemäß IFRS 18 ist ein Affront gegen die BWL für Unternehmer! Übrigens: in IASB und ähnlichen Norm-Gremien wirken offensichtlich keine Unternehmer und keine unternehmensnahen Berater mit, zumindest nicht in bestimmender Position. Dafür haben diese gar keine Zeit!
Wie eingangs von Punkt 4.4 erwähnt: Eine Recherche des Autors in 2025 zur Frage, an welchen Begriffen sich die professionellen Unternehmensbewerter orientieren, zeigt, dass diese weithin urteilen auf Basis von Zukunftsrechnungen, konkret auf Basis des Discounted-Cash-Flow (DCF). „… bei der DCF-Methode (wird) der zukünftige Cash-Flow des Unternehmens … als Basis herangezogen.“
Andere professionelle Unternehmensbewerter nennen – außer dem DCF - eine ganze Serie von Begriffen. Fast durchweg sind diese aus der jährlichen Unternehmensanalyse bekannt (Abfolge nach Originalzitat): Verschuldung, Liquiditätsgrad, innerer Wert nach DCF-Methode, Free Cashflow, EBIT-Marge, Umsatzwachstum, historisches Wachstum des Buchwertes, Nettomarge, Free-Cash-Flow-Marge, Eigenkapitalquote, Eigenkapitalrendite, Current Ratio, Return on Capital Employed, Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) & Verhältnis des Unternehmenswertes zum EBIT (EV/EBIT).
Wiederum andere professionelle Unternehmensbewerter setzen voll auf den Eigenkapitalanteil (Equity-Methode) Es sind keine Hinweise zu finden, dass irgendwer aus dieser Berufssparte auf ein Income Statement nach IFRS 18 wartet oder nach dem Cashflow Statement bewertet.
Zum Cashflow Statement
Die Cashflow-Berechnung vom International Accountants Standardisation Board (IASB) und vom deutschen Rechnungslegungs Standards Committee (DRSC) ist keine Staffelrechnung, wie die Ableitung der Cashflows 1 bis 3. Sie ist eine Mehrschichtrechnung (sozusagen ein "Big Mac").
Summe der Cashflows = Veränderung der Liquidität = Änderung Finanzmittelfonds
Die neue Zuordnung der Zinsaufwendungen gemäß IFRS 18 ist bereits berücksichtigt. In den Cashflows aus Finanzierungstätigkeit (und damit in die Summe der Cashflows) werden sogar Zuflüsse an neuem Fremdkapital einberechnet:
Summe neue Eigenmittel + Summe neue Fremdmittel = Summe neue Ausgaben
Das heißt: Wenn nur die Fremdkapitalaufnahme groß genug ist, ist die Liquidität immer gut! Toll was? Beispiele:
- Wenn hohe Entnahmen vorliegen und diese mit neuen Krediten finanziert wurden, ist alles i.O.
- Werden hohe Ausschüttungen getätigt und diese mit neuen Krediten finanziert, gleichfalls i.O.
- Wenn Tilgungen (oder gar Zinsausgaben) mit neuen Krediten bezahlt werden, auch alles gut.
Man kann es gar nicht oft genug betonen: Aus der „Summe der Cashflows“ = "Veränderung der Liquidität" ist abzulesen, dass alle Ausgaben durch Eigenmittel und Fremdmittel bezahlt wurden! Das ist banal, trivial, eine Plattitüde, oder?
Ursprung dieser Mehrschichtrechnung ist die schon lange bekannte Kapitalflussrechnung. Für sie gilt:
Summe Kapitalzuflüsse = Summe Kapitalabflüsse
Wenn diese beiden Summen übereinstimmen, ist der Buchhalter zufrieden.
Summe links = Summe rechts.
Vor Einführung digitaler Buchführungssysteme (ab den 1960er Jahren) war die „Kontenabstimmung“ in der Tat eine arbeitsreiche Tätigkeit in den Buchstellen.
Das Cashflow Statement ist somit Teil einer „BWL für Rechnungsleger“! Leider wurde – von wem auch immer - das Wort "Kapitalfluss" durch "Cashflow" ersetzt, auch im Deutschen. Ein schlimmer Fall "falscher Freunde"! Es gibt Kollegen, die ebenso wie der Autor messerscharf zwischen Cashflow-Staffelrechnung und Cashflow-Mehrschichtrechnung unterscheiden. Es gibt aber auch solche, die die beiden konträren Begriffssysteme in einem Atemzug nennen. Damit disqualifizieren sie sich selbst.
Der oben (unter Punkt 4.2.3 ff) beschriebene unternehmensnahe Cashflow zur Selbstfinanzierung von Investitionen (Cashflow 3) ist demgegenüber ein guter „Frühindikator“ für Unternehmer und Aufsichtsräte. Dies vor allem, wenn man den Cashflow 3 an den Ersatzinvestitionen (= AfA) als Messlatte anlegt. Das Bestreben bei der unternehmensnahen Analyse muss der möglichst schnelle Übergang zur Teil- und Vollkosten-Rechnung (erweiterte Analyse) sein. Danach kann die Unternehmensplanung folgen, ohne der Gefahr zu unterliegen, Luftschlösser zu bauen.
Fazit: Die Buchhalter vom Cashflow Statement entlasten! Sie sind betreffs der Cashflows schlichtweg überfordert. Das ist nicht ihr Metier. Um nicht falsch verstanden zu werden: Buchhalter machen einen wichtigen Job. Sollen sie stolz darauf sein. Aber ihre Denkweise ist anders. Selten wird ein Buchhalter den Wechsel zum Unternehmer oder Unternehmerberater schaffen.
Zum Income Statement und zum Cashflow Statement
Für die Nutzer von Analyse- und Planungsprogrammen (wie JUP PS) und von Cashflow-Management-Programmen (wie von Fa. Agicap) wird sich durch IFRS 18 grundsätzlich nichts ändern. Die von BWL-Beratern priorisierten Begriffe werden unangetastet bleiben. Bei den Buchführungsprogrammen wird indessen wegen der IFRS 18 die Codierung neu zu regeln sein. Das bedingt für die Entwickler der Analyse- und Planungsprogramme einen beachtlichen Zeitaufwand zum Anpassen der Codes.
Man muss bedenken, dass die Diskussionen in Richtung IFRS 18 um 2016 begonnen haben, vor über
9 Jahren. Damals war noch nicht ersichtlich, dass das Wesen der künstlichen Intelligenz in der BWL auch noch vermittelt werden muss. Damals war noch nicht so deutlich, dass die ökonomische Bildung so defizitär ist. Und damals war noch nicht so dringend, dass bei uns effektiver produziert und technisiert werden muss, um am Weltmarkt mithalten zu können. Die Norm IFRS 18 kommt also auch noch zur völligen Unzeit.
In wenigen Jahren wird einzusehen sein, dass Income Statement und Cashflow Statement laut IFRS 18 ein Murks ist, der revidiert werden muss. Rein in die Kartoffeln, in 10 Jahren wieder raus? Wer hat Gefallen an derartigem Zickzack-Kurs? Ein grausamer Wirrwarr ist die Folge.
Die EU-Kommission - und weltweit alle Gremien der Normung - müssen sich von der IFRS 18 noch rechtzeitig abwenden. Die EU-Kommission darf nach den eigenen Gesetzen der EU gar keine neuen Normen einführen, wenn die Nachteile die Vorteile überwiegen! Insgesamt sind aber nur Nachteile abzusehen!
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Zitat zu den unternehmensnahen Cashflows
"Jetzt kommen Sie endlich zum Gewinn, so wie wir ihn sehen" (Fachschüler B., 2004). Diese Bemerkung fiel, nachdem der Fachlehrer - von der Rentabilität und Stabilität kommend - schließlich beim Cashflow 3 angelangt war.
Zitate zu den Cashflows im Allgemeinen
"Ich fange meine Abschlussbesprechungen nun immer mit den Cashflow 1 bis 3 an. Denn falls ich mit dem Gewinn beginne, haben die Kunden schon abgeschaltet, wenn ich zum Cashflow 3 komme“ (Unternehmensberater T.).
"Die Cashflows 1 bis 3 verstehen unsere Kunden. Es ist aber so, dass unser internes Bilanzauswertungsprogramm nach Cashflow aus Finanzierungstätigkeit usw. aufgebaut ist. Meine Feststellung ist, dass die Unternehmer dieses System nur schwer verstehen" (Bankexperte H.).
„Die drei wichtigsten Finanzkennzahlen sind der Deckungsbeitrag (MW=1,74), der Unternehmensgewinn (MW=1,98) und der Cashflow (MW=2,04)“. (Befragung von Landwirten unter Leitung von Prof. Theuvsen, Uni Göttingen, und Prof. Sundermeier, Uni Kiel, zum Kennzahleneinsatz, 2015. MW = Mittelwert der Benotung).
"Der Cashflow ist vermutlich die betriebswirtschaftliche Kennzahl mit der größten Verbreitung" (Jörg Carstens – Camac Solutions, Softwareanbieter, 2021).
Zitate zu Stabilität und Risikovorsorge
"Man muss als Landwirt den Konsum von zwei Jahren in leicht liquidierbarer Sparreserve vorhalten, damit man auch Preistäler durchhalten kann" (Familienunternehmer W.).
"Leib zittre jetzt im Winter nicht, du hast im Sommer gut gelebt" und "Spare in der Not, da hast du Zeit dazu" (ironische Sprüche der Dienstmagd W. aus Schlesien).
“Mein Bruder ist mit seiner Frau nach Kanada ausgewandert, sie hatten dort eine Farm gekauft. In Kanada gibt es keine Gebäudebrand-Pflichtversicherung. Eine freiwillige Versicherung haben sie nicht abgeschlossen. Die Farm ist aber dann abgebrannt. An einen Wiederaufbau war nicht zu denken“.
Zitat zur Eigenkapitalquote
Vereinzelt gibt es Unternehmen mit 100 % Eigenkapitalquote, z.B. das familiengeführte Textilunternehmen "Trigema" mit rund 1.000 Mitarbeitern. Der 1942 geborene Chef hat 1969 von seinem Vater umgerechnet 8,7 Mio Euro Schulden übernommen, die 1975 zurückbezahlt waren (zitiert aus Wikipedia).
Mathematiker-Witz zu Standortbestimmung
Eine Gruppe von Ballonfahrern weiß nicht, wo sie sich befindet. Sie lassen den Ballon sinken und fragen einen nachdenklichen Wanderer auf der Landstraße: „Wissen Sie, wo wir sind?“. Der Angesprochene, ein Mathematiker, antwortet: „Sie sind in der Gondel eines Ballons!“









